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Privatärztliche Fernbehandlung – so rechnen Sie richtig ab

Erfahren Sie, welche Leistungen abrechnungsfähig sind und welche Grenzen im Rahmen der Privatliquidation noch bestehen.

Auch wenn der unmittelbare, d.h. persönliche, Kontakt zum Patienten weiterhin der „Goldstandard“ der ärztlichen Beratung und Behandlung bleibt, wurde der Spielraum für die Telemedizin auf dem Deutschen Ärztetag im Mai 2018 noch einmal erweitert und unter anderem die ausschließliche Fernbehandlung erlaubt (zuvor durfte nur ergänzend über Kommunikationsmedien behandelt werden).

  • Tipp
    Für die Fernbehandlung sind grundsätzlich alle Kommunikationswege möglich, die zur Beratung und Behandlung eingesetzt werden können, ohne dass Sie und Ihr Patient gleichzeitig körperlich anwesend sind. Dies können also – neben der Videotelefonie, um die es hier schwerpunktmäßig geht – auch Telefonate und E-Mails sein (Chats und SMS werden von der BÄK ausgeschlossen). Bei der Nutzung muss aber immer sichergestellt sein, dass diese datenschutzsicher und im Einzelfall zur Behandlung überhaupt geeignet sind (s. Punkt „Vertraulichkeit“).

Gerade in der aktuellen Ausnahmesituation durch die COVID-19-Pandemie, kann das Angebot von Videosprechstunden sinnvoll sein, um die Versorgung Ihrer privat und gesetzlich versicherten Patienten zu ermöglichen. Profitieren Sie in Ihrer Praxis bereits von den Möglichkeiten der Fernbehandlung oder würden Sie in der Zukunft gerne eine Video-Sprechstunde in Ihrer Praxis anbieten? Wir zeigen Ihnen, was Sie im privatärztlichen Behandlungsverhältnis beachten müssen.

  • Tipp
    Einen Überblick über die befristeten Abrechnungsempfehlungen – u.a. zu Fernbehandlungsleistungen – im Rahmen der COVID-19-Pandemie, finden Sie auf der Website der Bundesärztekammer (BÄK).

Zu den Abrechnungsmöglichkeiten bei gesetzlich versicherten Patienten nach dem EBM, können Sie sich in unserem separaten Beitrag informieren.

Technische Anforderungen

Sie müssen sich zunächst für einen Videodienstanbieter entscheiden und sich dort registrieren. Daneben benötigen Sie im Wesentlichen einen Bildschirm mit Kamera, Mikrofon und Lautsprecher sowie eine stabile Internetverbindung. Eine zusätzliche Software ist weder für Sie noch den Patienten erforderlich. Hierzu mehr in unserer Check-Liste.

Vertraulichkeit

Bei der Nutzung von Kommunikationsmedien muss immer sichergestellt werden, dass diese vor dem unberechtigten Zugriff auf den vertraulichen Inhalt der Kommunikation geschützt sind. Im Fall der Videosprechstunde muss diese  – wie eine normale Sprechstunde – vertraulich und störungsfrei verlaufen und in Räumen stattfinden, die Privatsphäre bieten. Zudem darf die Videosprechstunde von niemandem aufgezeichnet werden, auch nicht von den Patienten. Last but not least: die Videosprechstunde muss frei von Werbung sein. Hierzu mehr in unserer Check-Liste.

Voraussetzungen

Eine ausschließliche Fernbehandlung kommt nur dann in Frage, wenn

  • dies im Einzelfall ärztlich vertretbar ist.
  • die erforderliche Sorgfalt insbesondere durch die Art und Weise der Befunderhebung, Beratung, Behandlung sowie Dokumentation gewahrt wird und
  • der Patient über die Besonderheiten der ausschließlichen Fernbehandlung vor Behandlungsbeginn aufgeklärt wird (das meint insbesondere, dass nicht alle Sinne – v.a. Hören und Sehen – bei der ausschließlichen Fernbehandlung zur Verfügung stehen).

Die Entscheidung, ob eine ausschließliche Fernbehandlung im konkreten Einzelfall ärztlich vertretbar ist, liegt damit ausschließlich in der Verantwortung des Arztes. Dies gilt ebenfalls für das Risiko einer Fehldiagnose und/oder der falschen Befunderhebung mit der Folge eines Behandlungsfehlervorwurfs.

  • Tipp
    Ein allgemeiner, schriftlicher Hinweis auf die Besonderheiten einer ausschließlichen Fernbehandlung allein reicht zur vollständigen Aufklärung übrigens nicht aus. Es kann aber sinnvoll sein, dem Patienten die Informationen aus der mündlichen Aufklärung ergänzend per E-Mail zukommen zu lassen. Halten Sie diese Besonderheiten schriftlich in der Patientenakte fest, um im Zweifels- oder Streitfall auf diese Dokumentation zurückgreifen zu können. Insbesondere sollten Sie dokumentieren, warum aus Ihrer Sicht die ausschließliche Fernbehandlung in diesem Einzelfall ärztlich vertretbar war.

Bekannte und unbekannte Patienten

Bei jeder Fernbehandlung gilt, dass der Arzt die sichere Identifikation des Patienten – abhängig vom gewählten Kommunikationsmedium – sicherstellen muss. Anders als bei gesetzlich versicherten Patienten, die in der Regel anhand der Daten der Gesundheitskarte identifizierbar sind, gibt es für den privatärztlichen Identifikationsprozess aber noch keine konkreten Vorgaben.

Grundsätzlich hat die BÄK hierzu aber bekanntgegeben, dass die im Rahmen einer Fernbehandlung übermittelten Daten im Einzelfall ausreichen müssen, um die ärztliche Vertretbarkeit der ausschließlichen Fernbehandlung zu überprüfen und sicherzustellen. Abhängig vom gewählten Kommunikationsmittel – bspw. Telefonat oder Videotelefonie – und davon, ob der Patient in der Praxis bereits bekannt ist, unterscheiden sich sowohl die Handlungsoptionen als auch die Sorgfaltspflichten des Arztes.

Während bei bekannten Patienten ein Abgleich mit dem im Praxisverwaltungssystem hinterlegten Daten genügen kann, muss die Identität von unbekannten Patienten grundlegend verifiziert werden.  Orientierung hierfür bieten die Vorgaben, die für unbekannte gesetzlich versicherte Patienten gelten:

  • Name der Krankenkasse
  • Versichertennummer
  • Name, Vorname, Geburtsdatum des Versicherten
  • Vollständige Adresse des Versicherten

Ebenfalls in Analogie zu gesetzlich versicherten Patienten – die ihre Gesundheitskarte in einer Videosprechstunde in die Kamera halten – könnten Patienten in einer privaten Videosprechstunde ihren Personalausweis zur Identifikation vorzeigen.

Abrechnung

Nachdem es zunächst keinen offiziellen Katalog für die per Fernbehandlung infrage kommenden Abrechnungsziffern gab, hat die Bundesärztekammer (BÄK) am 26. Juni 2020 Abrechnungsempfehlungen für telemedizinische Behandlungen bekannt gegeben (Deutsches Ärzteblatt, Jg. 117, Heft 26). . Daneben existieren weitere Leistungen bzw. Abrechnungsmöglichkeiten, die nach den bislang vorliegenden Erfahrungswerten bei telemedizinischen Behandlungen abrechnungsfähig sind. Diese Leistungen – außerhalb der Abrechnungsempfehlungen der BÄK – sind mit einem (BFS) gekennzeichnet. Die Abrechnungsfähigkeit einer Leistung hängt grundsätzlich davon ab, ob der Leistungstext einer GOÄ-Ziffer einen mittelbaren Arzt-Patienten-Kontakt (d.h. ohne Anwesenheit im selben Raum) erfordert und ob nach ärztlicher Einschätzung, die erforderliche Behandlung / Beratung im Einzelfall medizinisch in Frage kommt.

  • Tipp
    Dokumentieren Sie die für Ihre Einschätzung maßgeblichen Gründe in der Patientenakte, sofern Sie die Möglichkeit haben möchten, sich darauf nachträglich zu beziehen.

Bei der Abrechnung müssen Sie u.a. beachten, die Ziffern mit einem Zusatz – bspw. „mittels Telefon“ oder „im Rahmen der Videosprechstunde“ – im Leistungstext zu kennzeichnen.

GOÄ-ZifferLeistungsbeschreibung1-facher Faktor2,3-facher Faktor
1Beratung durch den Arzt mittels Videoübertragung

Hinweis der BÄK
Die Videoübertragung (z. B. Videosprechstunde) stellt eine besondere Ausführung der Beratung mittels Fernsprecher dar und berechtigt daher zur originären Berechnung der Ziffer.
4,66 €10,72 €
1 analogBeratung durch den Arzt mittels E-Mail

Hinweis der BÄK:
Chat und SMS ausgeschlossen
4,66 €10,72 €
2 analogAusstellung von Rezepten und/oder Überweisungen und/ oder Übermittlung von Befunden oder ärztlichen Anordnungen mittels Videotelefonie, E-Mail durch Medizinische Fachangestellte

Hinweis der BÄK:
Chat und SMS ausgeschlossen
1,75 €3,15 €
(1,8-facher Faktor)
3 Eingehende, das gewöhnliche Maß übersteigende Beratung durch den Arzt mittels Videoübertragung
s. Hinweis der BÄK zu Ziff. 1 GOÄ

BFS Tipp:
Mehrfach im selben Behandlungsfall abrechnungsfähig, sofern eine medizinisch nachvollziehbare Begründung vorliegt und angegeben wird.
8,74 €20,11 €
4 (BFS)Erhebung der Fremdanamnese über einen Kranken und/oder Unterweisung und Führung der Bezugsperson(en) - im Zusammenhang mit der Behandlung eines Kranken

BFS Tipp
Die Leistung nach Ziff. 4 GOÄ kann auch telefonisch erbracht werden und berechtigt daher zur originären Berechnung der Ziffer.
12,82 €29,49 €
5 analogVisuelle symptomatische klinische Untersuchung mittels Videoübertragung (
BFS-Tipp:
Cave: Kann aus medizinischer Sicht nur ausnahmsweise in Frage kommen, wenn eine körperliche Anwesenheit des Patienten im Einzelfall nicht erforderlich ist (bspw. Kontrolle von Wundverläufen). Sorgfältige Dokumentation in der Patientenakte empfehlenswert.
4,66 €10,72 €
30 analog (BFS)Schmerztherapeutische Anamnese

Cave:
Es besteht noch keine Rechtssicherheit bzgl. der Abrechenbarkeit dieser Ziffer: es wird vereinzelt vertreten, dass diese rein anamnestische Leistung ohne obligate Untersuchung auch per Videosprechstunde erfolgen kann. Die durch die Rechtsprechung statuierten Abrechnungs-Voraussetzungen zur Mindestdauer der schmerztherapeutischen Erstanamnese von einer Stunde sind stets zu berücksichtigen (Deutsches Ärzteblatt, Jg. 112, Heft 19).
52,46 €120,65 €
34 (BFS)Erörterung der Auswirkungen einer Krankheit auf die Lebensgestaltung

Cave:
Es besteht noch keine Rechtssicherheit bzgl. der Abrechenbarkeit dieser Ziffer: es wird vertreten, dass diese Ziffer abrechenbar ist, wenn ein persönlicher Arzt-Patienten-Kontakt zeitnah vorangegangen ist. Die Gegenstimmen vertreten, dass die Ziff. 34 nicht per Fernbehandlung abrechenbar ist, da die Bedeutung der Beratung bei den zugrundliegenden Erkrankungen einen unmittelbaren Arzt-Patienten-Kontakt erfordert.
17,49 €40,22 €
60Vorstellung eines Patienten und/oder Beratung über einen Patienten in einer interdisziplinären und/oder multiprofessionellen Videokonferenz, zur Diagnosefindung und/ oder Festlegung eines fachübergreifenden Behandlungskonzepts

BFS-Tipp:
Diese Leistung darf grundsätzlich nur berechnet werden, wenn sich der liquidierende Arzt zuvor oder im unmittelbaren zeitlichen Zusammenhang mit dem Konsil persönlich mit dem Patienten und dessen Erkrankung befasst hat.
6,99 €16,09 €
60 analogGemeinsame ärztliche telekonsiliarische Fallbeurteilung im Rahmen diagnostischer Verfahren (z. B. bildgebender Verfahren wie CT-, MRT-, Röntgenaufnahmen, Video - endoskopie etc. und/oder z. B. histologischer Befundungen wie Schnittdiagnostik, Ausstrich) („Telekonsil“).6,99 €16,09 €
70 (BFS)Kurze Bescheinigung oder kurzes Zeugnis, Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU)

BFS-Tipp:
Kann neben der Ziff. 3 abgerechnet werden; weitere Details zur Ausstellung von AU finden Sie unten.
2,33 €5,36 €
70 analogErstellung oder Aktualisierung und ggf. elektronische Übersendung eines Medikationsplans.2,33 €5,36 €
75Ausführlicher schriftlicher Krankheits- und Befundbericht (einschließlich Angaben zur Anamnese, zu dem(n) Befund(en), zur epikritischen Bewertung und ggf. zur Therapie17,43 €26,52 €
76 (BFS)Schriftlicher Diätplan, individuell für den einzelnen Patienten aufgestellt9,38 €14,28 €
76 analogVerordnung und ggf. Einweisung in Funktionen bzw. Handhabung sowie Kontrolle der Messungen zu digitalen Gesundheitsanwendungen.9,38 €14,28 €
661 analogTelemetrische Funktionsanalyse eines Herzschrittmachers, eines Kardioverters bzw. Defibrillators und/oder eines implantierten Systems zur kardialen Resynchronisationstherapie (CRT), wenn die Daten über eine größere räumliche Entfernung übertragen werden (z. B. aus der häuslichen Umgebung des Patienten heraus).30,89 €55,61 €
(1,8-facher Faktor)
76 analog
801, 804, 806, 807, 817, 860, 861, 870, 885 (alle BFS)
Psychotherapeutische und psychiatrische Leistungen

BFS-Tipp
Cave: Es besteht keine Rechtssicherheit bzgl. der Abrechenbarkeit dieser konkreten Ziffern; der PKV-Verband hat insoweit veröffentlicht:
Sowohl die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie als auch die Verhaltenstherapie dürfen – unter Beachtung der berufsrechtlichen Sorgfaltspflichten – über Kommunikationsmedien erbracht werden. Gesprächsleistungen von Neurologen, Nervenärzten oder Psychiatern aus dem psychischen bzw. psychiatrischen Behandlungsbereich können ebenfalls per Videosprechstunde erbracht und mit den einschlägigen Gebühren berechnet werden. Nach der Muster-Berufsordnung der Psychotherapeuten ist eine ausschließliche Fernbehandlung von unbekannten Patienten nicht zulässig. Gegen die Abrechnungsfähigkeit könnte sprechen, dass die BÄK im Zuge von Covid-19 die Abrechnungsmöglichkeiten für psychotherapeutische Leistungen in der Videosprechstunde zeitlich befristet hat (vgl. Amtl. Bekanntmachung vom 07.05.2020).
Zuschläge (BFS)
Aaußerhalb der Sprechstunde4,08 €
Baußerhalb der Sprechstunde, zwi. 20 und 22 Uhr oder 6 und 8 Uhr10,49 €
Cin der Zeit zwischen 22 und 6 Uhr18,65 €
DZuschlag für an Samstagen, Sonn- oder Feiertagen erbrachte Leistungen12,82 €
K1Zuschlag zu den Untersuchungen nach den Nummern 5, 6, 7 und 8 bei Kindern bis zum vollendeten 4. Lebensjahr6,99 €
Portogebühr (BFS)Tatsächlich angefallene Kosten
(bspw. 0,80 €, Standard-Brief)
Faktoren (BFS)Für die Steigerung der Faktoren gelten die üblichen Voraussetzungen von § 5 Abs. 2 GOÄ, d.h. der Faktor der einzelnen Leistung darf unter Berücksichtigung des Schwierigkeitsgrades und des Zeitbedarfs gesteigert werden.
  • Tipp
    Grundsätzlich sind Anrufe des Arztes, die nicht vom Patienten ausgehen bzw. von diesem gewünscht wurden, nicht berechnungsfähig. Ausnahmen hiervon können begründete Notfallsituationen sein oder besondere Absprachen mit dem Patienten, die z.B. bereits vor dem Beginn einer Quarantäne-Anordnung getroffen worden sind.

Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen

Für die Ausstellung von Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen (AU) fehlt es derzeit noch an klarstellenden Regelungen. Berufsrechtlich beurteilt die BÄK die Krankschreibung per Fernbehandlung aber durchaus als vorstellbar.

  • Tipp
    In der vertragsärztlichen Versorgung wurde die Möglichkeit zur Ausstellung von AU im Rahmen der Videosprechstunde bereits beschlossen. Voraussichtlich können Vertragsärzte schon ab Ende September mit der Umsetzung und Abrechnung beginnen. Weitere Details können hierzu können Sie unserem Artikel zur EBM-Abrechnung in der Videosprechstunde entnehmen.

Maßgeblich ist in diesen Fällen die Einhaltung der besonderen berufsrechtlichen Sorgfalt (vgl. o.). Das heißt, dass sich der Arzt nicht allein auf die Angaben des Patienten verlassen darf, sondern sich – bspw. per Videosprechstunde –nach bestem Wissen und Gewissen davon überzeugt haben muss, dass der Patient tatsächlich arbeitsunfähig erkrankt ist. Im Zweifelsfall muss der Patient vor einer endgültigen Entscheidung über die Ausstellung der AU auf die Behandlung im persönlichen Kontakt – mit entsprechenden Untersuchungsmöglichkeiten – verwiesen werden.

  • Tipp
    Beachtet werden muss darüber hinaus, dass AU einen hohen Beweiswert haben, da im Krankheitsfall Entgeltfortzahlungen geleistet werden müssen bzw. ein Anspruch des Patienten auf Krankengeld besteht. Wenn eine persönliche Untersuchung nicht stattgefunden hat, kann dies im Streitfall zu einer Verminderung des Beweiswertes führen. Daher sollte in jedem Fall sorgfältig geprüft werden, ob die Ausstellung einer AU i. R. d. Videosprechstunde ärztlich vertretbar ist.

Unter Verweis auf ein Urteil des Landgerichts Hamburg (vom 20.08.2019, Az.: 406 HKO 56/19) wird zwar teilweise vertreten, dass die AU-Ausstellung per Fernbehandlung nicht zulässig sei. Die Rechtsprechung aus Hamburg ist tatsächlich aber keine generelle Absage an die „digitale“ Krankschreibung (der Entscheidung lag insbesondere zugrunde, dass keinerlei Kontakt zwischen Arzt und Patient stattgefunden hat).

Sofern also die ärztliche Sorgfalt, vor allem durch Herstellung eines audio-visuellen Kontakts, gewahrt ist, steht der Ausstellung und Abrechnung von AU im Rahmen der Videosprechstunde nichts entgegen.

Senden Sie Ihrem Patienten die AU postalisch zu, können Sie die Porto- und Versandkosten als Auslagen berechnen.

Arzneimittel

Im August 2019 wurde das erst im Jahr 2016 eingeführt Verbot von Fernverordnungen von Arzneimitteln wieder abgeschafft. Die ärztliche Verordnung von Arzneimitteln im Rahmen von Fernbehandlungen und die Abgabe in den Apotheken sind also zulässig. Entscheidend ist auch hier, dass die ärztliche Sorgfaltspflicht eingehalten und jeder Einzelfall gewissenhaft geprüft wird (vgl. o.). Sofern die Rezepte per Post an die Patienten versendet werden, können die Kosten für Porto und Versand als Auslagenersatz (§ 10 Abs. 3 GOÄ) geltend gemacht werden.

Heilmittel

Die Verschreibung von Heilmitteln im Rahmen einer ausschließlichen Fernbehandlung ist zulässig, sofern auch hier die ärztliche Sorgfaltspflicht eingehalten und jeder Einzelfall gewissenhaft geprüft wird.

Überweisungen

Grundsätzlich können auch Überweisungen zu Fachkollegen berufsrechtlich zulässig sein, sofern auch hier die ärztliche Sorgfaltspflicht eingehalten und jeder Einzelfall gewissenhaft geprüft wird. Sie sollten Ihre privatversicherten Patienten aber darauf hinweisen, dass sich ggf. Einschränkungen aus den individuellen Versicherungstarifbedingungen ergeben können.

  • Tipp
    Sie dürfen den weiterbehandelnden Kollegen darüber informieren, dass eine ausschließliche Fernbehandlung stattgefunden hat, wenn der Patient hiermit einverstanden ist. Eine uneingeschränkte Informationspflicht haben Sie jedoch nicht. Das heißt, dass Sie den weiterbehandelnden Arzt dann nicht informieren dürfen, wenn der Patient nicht eingewilligt hat und keine gesetzliche Auskunftspflicht oder -befugnis besteht.

Werbung

Seit dem 01.01.2020 ist die Werbung  – also bspw. Informationen auf Ihrer Praxis-Homepage – für Fernbehandlungen zulässig, wenn nach allgemein anerkannten fachlichen Standards ein persönlicher Arzt-Patienten-Kontakt für die Leistung nicht erforderlich ist. Das heißt, dass sich die Werbung nur auf Leistungen beziehen darf, die überhaupt per Fernbehandlung in Frage kommen (bspw. Gespräche).

Aussicht

Laut dem Beschluss des 118. Deutschen Ärztetages soll die Telemedizin in der reformierten GOÄ verankert werden. Hierzu führte der Leiter des GOÄ-Dezernats der BÄK, Dr. Martin Stolaczyk aus, dass z.B. eine Beratung per E-Mail, die Videosprechstunde oder die ärztliche telekonsiliarische Befundbeurteilung in den Katalog der neuen GOÄ aufgenommen werden. Wann die Novellierung der GOÄ letztlich vollendet und umgesetzt wird, ist derzeit nicht absehbar. Die Bundesärztekammer hatte zuletzt angekündigt, bis Mitte des Jahres 2020 die Preise für die Leistungen mit dem PKV-Verband abzustimmen. Es bleibt daher abzuwarten, wann die Telemedizin tatsächlich Einzug in die GOÄ halten wird.

Weitere Themenfelder

Neben den oben beschriebenen Themen, die vor allem für die Abrechnung relevant sind, können sich zudem weitere (rechtliche) Fragen im Zusammenhang mit Videosprechstunden stellen, bspw. Arbeitsrecht, Berufshaftpflicht und Fortbildung. Einige Hinweise hierzu finden Sie in der Check-Liste sowie im Fragekatalog, den die BÄK auf ihrer Homepage veröffentlicht hat.

Check-Liste

Die nachfolgende Übersicht auf der Grundlage der Erläuterungen der BÄK soll grundsätzliche Anhaltspunkte geben, welche Aspekte bei der Einzelfallprüfung für die Vertretbarkeit einer (ausschließlichen) Fernbehandlung relevant sein können. Die Check-Liste erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Unterschiede können sich vor allem im Hinblick auf die Besonderheiten des jeweiligen Fachgebietes und die eingesetzte Beratungs- und Behandlungsmethode ergeben. Ergänzende Hilfestellung können hier Leitlinien der jeweiligen Fachgesellschaften geben.

Rechtliche Rahmenbedingungen

  • Welche Regelungen enthält die Berufsordnung meiner Landesärztekammer zur (Fern-)Behandlung?
    Hinweis:
    In den meisten, aber nicht allen Regionen (Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Baden-Württemberg) wurden die Änderungen der Musterberufsordnung-Ärzte von den zuständigen Ärztekammern übernommen. Bitte informieren Sie sich über die Umsetzung der telemedizinischen Vorgaben in Ihrer jeweiligen Landesberufsordnung.
  • Müssen – darüber hinaus – besondere vertragsärztliche Vorschriften beachtet werden? (vgl. IV.)?
  • Sind besondere datenschutzrechtliche Vorgaben, insbesondere für die Nutzung bestimmter Kommunikationsmedien, umzusetzen)
  • Stehen sonstige Vorschriften einer ausschließlichen Fernbehandlung entgegen (vgl. IV.)?
  • Ist mein Personal mit den rechtlichen Rahmenbedingungen der ausschließlichen Fernbehandlung vertraut?
  • Umfasst meine Berufshaftpflichtversicherung auch die Risiken der (ausschließlichen) Fernbehandlung?
  • Wird die Dokumentation für alle für die Einzelfallprüfung maßgeblichen Umstände sichergestellt?

Qualitätssicherung

  • Gibt es Leitlinien meiner Fachgesellschaften für die (ausschließliche) Fernbehandlung im jeweiligen Fachgebiet?
  • Gibt es besondere Vorgaben aus dem Vertragsarztrecht zur Qualitätssicherung bei Beratung oder Behandlung (ausschließlich) über Kommunikationsmedien

Technik

  • Verfüge ich über die erforderliche, funktionstüchtige und dem aktuellen technischen Standard entsprechende technische und apparative Ausstattung, um eine Beratung oder Behandlung über Kommunikationsmedien im konkreten Einzelfall durchzuführen?
  • Ist mein Personal mit der Anwendung der technischen und apparativen Ausstattung vertraut?
  • Wurde das Kommunikationsmedium vor der Behandlung oder Beratung daraufhin geprüft, ob die für die Beratung oder Behandlung erforderlichen Daten in der notwendigen Qualität übermittelt werden können und übermittelt wurden?

Patienten

  • Kann ich meine Patienten mit dem gewählten Kommunikationsmedium zweifelsfrei identifizieren?
  • Ist mein Patient in der Lage, über das gewählte Kommunikationsmedium zu kommunizieren (z. B. Vertrautheit mit Videotelefonie, Besonderheiten bei Nichtmuttersprachlern und bei Seh- oder Hörbeeinträchtigungen)?
  • Wird sichergestellt, dass meine Patienten immer über die Besonderheiten der ausschließlichen Beratung und Behandlung über Kommunikationsmedien aufgeklärt werden, damit einverstanden sind und dass dies dokumentiert wird?

Indikation

  • Sind die von meinem Patienten beschriebenen Beschwerden für eine Beratung oder Behandlung (ausschließlich) per Fernbehandlung geeignet?
  • Sind die von meinen Patienten beschriebenen Beschwerden über die eingesetzten Kommunikationsmedien überprüfbar?
  • Reichen die von meinen Patienten übermittelten Informationen/Daten aus, um eine fachgerechte und sorgfältige Beratung und Behandlung durchzuführen, ohne dass ich mir ein unmittelbares Bild im persönlichen Kontakt mache?

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