150 150 BFS

Rechtliche Tipps für die Praxis

Selbstständige Sedierung unter Lachgasanwendung in der dentalen Implantologie

N2O wird seit über 150 Jahren in der Medizin genutzt. Nebenwirkungen sind kaum bekannt. Die Anwendung bei allgemeinzahnärztlichen Tätigkeiten gilt bei Beachtung sämtlicher geltender Richtlinien und Standards als sicher und effektiv. Die DGfdS formuliert Richtlinien für Ausbildungsstandards bei der Verwendung von Lachgas und beschränkt diese auf approbierte Zahnärzte und qualifizierte zahnmedizinische Fachangestellte. In einer gemeinsamen Stellungnahme des wissenschaftlichen Arbeitskreises Kinderanästhesie der DGAI und des IAZA sowie von DGAI, BDA, DGKiZ und DGZMK wird eine Schulung des gesamten am Prozess beteiligten Personals gefordert.

Die anästhesiologische Fachgesellschaft hat eine Limitierung von Lachgas auf 50% aus Gründen der Patientensicherheit für notwendig befunden. Der Einsatz von 70%igem Lachgas ist Anästhesisten vorbehalten, da eine tiefe Sedierung hervorgerufen werden kann.

In der Literatur werden verschiedene Kontraindikationen beschrieben: Reduzierte Kommunikationsfähigkeit, beeinträchtigte Nasenatmung, COPD, neuromuskuläre Störungen, Multiple Sklerose, Zustand bis zu 7 Monate nach Bleomycin-Therapie, ASA 3 Patienten (und höher), erste Schwangerschaftsmonate, Otitis media, Mastoiditis, kürzlich stattgefundene Augenoperation an der Retina mit intraokularem Gas. Besonderes Augenmerk muss außerdem auf Patienten, Behandler und Assistenzpersonal mit erhöhtem Homocysteinspiegel und/oder Vitamin B12– bzw. Folsäuremangel gerichtet werden. Es ist also vor der Lachgasanwendung ein ausführliches Anamnesegespräch unabdingbar. Im Zweifel ist eine vorherige hausärztliche Untersuchung geboten.

Nebenwirkungen können sein: Übelkeit, Erbrechen, Unruhe, Kopfschmerzen. Lachgasassoziierte Nebenwirkungen treten in etwa 8–10 % der Behandlungen auf. Schwerwiegende Nebenwirkungen wie Apnoe (länger als 15 Sekunden), Sauerstoffentsättigungen, Stridor und Brustschmerz treten laut Literatur in bis zu 0,3 % der Behandlungen auf (allerdings lag der N2O-Anteil hier über 50%). Als Komplikation zu bedenken sind ferner Brandverletzungen während einer Lachgasbehandlung; Lachgas kann als Oxidant wirken.

Während eine Lachgas-Sedierung bei einer Behandlung im Rahmen der konservierenden Zahnheilkunde für eine ausreichende Schmerzfreiheit sorgt, wird für oralchirurgische Eingriffe nach wie vor eine konventionelle (Lokal-)Anästhesie benötigt. Abgesehen von der zu erzielenden Schmerzfreiheit sind dabei aber die vasokonstriktorische Wirkung und ein dadurch übersichtlicherer Operationssitus vorteilhaft. Implantologische bzw. augmentative Verfahren unter Lachgassedierung hingegen sind bisher nicht beschrieben.

In rechtlicher Hinsicht muss der Zahnarzt die Lachgasanwendung entsprechend dem zum Zeitpunkt der Behandlung bestehenden, allgemein anerkannten fachlichen Standard (Facharztstandard) durchführen (§ 630a Abs. 2 BGB). Aufgrund der bei der Lachgasanwendung auftretenden Schnittmenge zwischen Anästhesiologie und Zahnmedizin bedeutet dies letztendlich, dass der Zahnarzt die Lachgassedierung theoretisch und praktisch so gut zu beherrschen hat, dass sie dem zahnmedizinischen und dem anästhesiologischen Facharztstandard genügt (cave: Beherrschung der o.g. Nebenwirkungen und Komplikationen). Außerdem muss der Zahnarzt den Patienten über mögliche Nebenwirkungen aufklären.

Dieser Text ist erstmalig unter dem Titel „Selbstständige Sedierung unter Lachgasanwendung in der dentalen Implantologie“erschienen in: Implantologie 2019; 27 (1): 55-65;  Autoren: Benz, Korbinian / Künzlberger, Andreas / Fehn, Karsten / Jackowski Jochen

Über den Autor 

Prof. Dr. Dr. Karsten Fehn

Rechtsanwalt und Experte für Medizinrecht

Wissenschaftlicher Autor

Lehrbeauftragter für Medizinstrafrecht und Patientenrecht an der Fakultät für Gesundheit der Universität Witten / Herdecke